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BUNDESSTIFTUNG MAGNUS HIRSCHFELD GEHT AN DEN START - INTERVIEW MIT VORSTAND JÖRG LITWINSCHUH

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Am 10. November 2011 ernannte Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger den Kommunikationsberater Jörg Litwinschuh zum Vorstand der neu errichteten Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Mit einem Bildungs- und Forschungsprogramm soll die neue Stiftung der gesellschaftlichen Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen in Deutschland entgegenwirken. "In einer offenen Gesellschaft darf es keine Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen geben", sagte Leutheusser-Schnarrenberger. Die Stiftung werde einen wichtigen Beitrag für die Offenheit der Gesellschaft leisten. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld verfügt über ein Stiftungsvermögen von 10 Mio. Euro. Für das Kuratorium der Stiftung benennen der Deutsche Bundestag, fünf Bundesministerien sowie weitere zivilgesellschaftliche Organisationen Mitglieder.

Die neue Stiftung soll auch das von den Nationalsozialisten an Homosexuellen verübte Unrecht historisch aufarbeiten und dokumentieren. Darüber hinaus sollen Leben und Werk des Namensgebers Dr. Magnus Hirschfeld (1868-1935) wissenschaftlich erforscht und dargestellt werden. Der Berliner Arzt und Sexualwissenschaftler war Vorreiter der Homosexuellenbewegung und beschäftigte sich auch mit Fragen der Trans- und Intersexualität. BOX sprach mit Jörg Litwinschuh, dem neuen Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Jörg Litwinschuh war in der Vergangenheit auch freier Mitarbeiter der BOX.

BOX: Herzlichen Glückwunsch zur neuen Aufgabe als Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Kannst du uns kurz sagen, was du bisher beruflich gemacht hast, und wie du zu dem Posten gekommen bist?

Jörg Litwinschuh: Ich bin Diplom-Medienwissenschaftler. Meine berufliche Laufbahn habe ich 1995 bei der Kaufhof Warenhaus AG in Köln als Leiter Multimedia-Marketing im Innovationsmanagement des Vorstandsvorsitzenden Lovro Mandac begonnen. Nach weiteren Stationen in der Wirtschaft habe ich bis 2005 für den Lesben- und Schwulenverband in Deutschland LV Berlin-Brandenburg gearbeitet. Seit dieser Zeit war ich selbständiger PR- und Lobbyberater mit dem Schwerpunkt Public- und Sexual Health und habe zum Beispiel als Pressesprecher der Deutschen AIDS-Hilfe freiberuflich gearbeitet. Für die Stiftungs-Stelle habe ich mich beworben: Das Bundesministerium der Justiz hat die Gespräche geführt, da es die Bundesregierung in der Stiftung vertritt. Es freut mich sehr, dass die Wahl auf mich gefallen ist und die Regierungsparteien CDU und FDP bewusst einen parteilosen Mann wie mich unterstützt und akzeptiert haben. Das ist ja im Politikbetrieb nicht gerade selbstverständlich. Und das erleichtert meinen Start als Vorstand der Bundesstiftung, der integrieren und für die gesamte schwule, lesbische, trans- und intersexuelle Community Ansprechpartner werden möchte.

BOX: Was sagst du zur Kritik von Volker Beck, die Bundesregierung hätte die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ohne öffentliche Beteiligung in Hinterzimmer-Manier gegründet, ohne die zivilgesellschaftlichen Akteure, wie z.B. den LSVD, einzubinden?
Jörg Litwinschuh: Da bin ich der falsche Ansprechpartner, da ich nicht die Bundesregierung, sondern hauptamtlicher Vorstand einer unabhängigen, selbständigen privatrechtlichen Stiftung bin. Ich schätze die Arbeit von Volker Beck sehr! Er ist der Vater des Lebenspartnerschaftsgesetzes und hat auch sonst wahnsinnig viel für die Community erreicht und tut auch weiterhin sehr viel für uns alle. Kritik hat übrigens noch keinem geschadet…

BOX: Was kannst du uns über die Zusammensetzung des künftigen Kuratoriums der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sagen, denn auch diese wurde kritisiert?

Jörg Litwinschuh: Knapp zwei Dutzend Vertreterinnen und Vertreter der Bundestagsfraktionen, von fünf Bundesministerien und der Community-Verbände sitzen im Kuratorium, das mich beaufsichtigt und die wichtigsten Beschlüsse fassen wird. Bei einer anfangs noch sehr kleinen Stiftung ist dies in der Tat eine Herausforderung. Die Zusammensetzung des Kuratoriums verantwortet die Stifterin. Ich kann dies nicht verändern. Zugleich werde ich dafür werben, dass VertreterInnen der Trans*- und Inter*-Gruppen und der Lesben-Community z.B. noch in den Fachbeirat einziehen und beratend in das Stiftungskonzept einbezogen werden. Mit beiden Gruppen habe ich bereits Mitte November Kontakt aufgenommen.

BOX: Welche genaue Arbeit soll die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld leisten? Und welche Aufgaben liegen für dich im Focus?

Jörg Litwinschuh: Die Aufgaben der Stiftung sind im Satzungszweck festgeschrieben: Zum Beispiel durch Forschung und Bildung werden wir der Diskriminierung von Schwulen, Lesben, Trans- und Intersexuellen entgegenwirken. Aktuell baue ich die Geschäftsstelle in Berlin auf, arbeite an der Geschäftsordnung und dem Stiftungsprogramm. Zudem mache ich meine ersten Antrittsbesuche z.B. bei den Mitgliedern des zukünftigen Kuratoriums und des Fachbeirats sowie in der Politik und vor allem in der Wirtschaft, die ich als Partner und Geldgeber gewinnen möchte. Anfang 2012 sollen die beiden Stiftungsorgane – das Kuratorium und der Fachbeirat – das erste Mal tagen. Das Kuratorium fällt die maßgeblichen Beschlüsse der Stiftung. Mein Team und ich werden diese Beschlüsse ausführen und die Projekte umsetzen. Zugleich verantworte ich das Antragsmanagement für Förderanträge und bin für das Fundraising sowie die Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

BOX: Wie willst du sicherstellen, dass die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld auch innerhalb der Community fest verankert ist und deren künftige Arbeit dort auch bekannt wird?

Jörg Litwinschuh: Als Kommunikationsberater ist mir die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nicht fremd. Und ich bin ganz gut in der Community vernetzt. Nachholbedarf habe ich allerdings bei der Lesben- sowie bei der Trans*- und Inter*-Community. Hier werde ich sehr viele Gespräche führen und erst noch intensivere Kontakte aufbauen müssen. Darauf freue ich mich!

BOX: Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wurde mit 10 Millionen Euro Stiftungsvermögen ausgestattet. In wie weit könnten davon künftig auch schwul-lesbische Gruppen und Vereine finanziell profitieren?

Jörg Litwinschuh: Jede Person oder Gruppe kann Anträge an die Stiftung stellen, wenn sie den Satzungszwecken genügen. Diese Anträge werden gesichtet, gemäß Satzungszweck und Stiftungsprogramm bewertet und dem Kuratorium zur Förderung vorgeschlagen. Wie oft das Kuratorium tagt, steht noch nicht fest. Nach den Kuratoriumssitzungen erfolgen die Förder-Zusagen bzw. -Absagen. Ich rechne ab März 2012 mit der finanziellen Förderung erster Projekte.

BOX: Vielen Dank für das Gespräch.



Bild: BMJ
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