VOLKER BECK

Volker Beck (* 12. Dezember 1960 in Stuttgart) ist Mitglied des Deutschen Bundestags aus Köln, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer und menschenrechtspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion und Mitglied im Parteirat von Bündnis 90/Die Grünen.
Du bist im Dez. 51 Jahre alt geworden, welche positiven und negativen Erlebnisse fallen dir ein, wenn du die Jahrzehnte Revue passieren lässt?
Positiv war sicher der Kampf ums Lebenspartnerschaftsgesetz, welches die größte Erfolgsgeschichte in meinem politischen Leben war. Das negativste war der Tod meines Partners Jacques.
Hast du eigentlich Angst vor dem Alter?
Nicht so sehr vor dem Altwerden, aber sicher vor dem Alt- und Gebrechlichwerden. Das wirft die Frage auf, wie organisiert man sein Leben, wenn man nicht mehr alleine kann. Das ist schon eine offene Frage, da sind in Deutschland die Versorgungsmodelle besonders schlecht, d.h. Kasernierung im Alter in irgendwelchen Heimen. Das ist nicht das, was man sich als selbständiger Mensch vorstellt, auch dann nicht, wenn man Hilfe braucht. Durch meinen Freund, als er pflegebedürftig wurde, habe ich in Frankreich Modelle erlebt, die besser für Patienten und alte Menschen und für Deutschland nachahmenswert wären. Ich kann das beurteilen, da ich mein Studium durch die Alten- und Krankenpflege finanziert habe.
Möchtest du lieber noch einmal jünger sein?
Das Leben hat schon seinen Sinn, dass man verschiedene Phasen durchlebt. Mit 20 kann man nicht die Erfahrung eines 50-Jährigen haben und man kann sich selbst ja nicht ohne seine Erfahrungen denken und auf gemachte Erfahrungen möchte man nicht verzichten. Somit ist die Fragestellung schon absurd.
Du warst in den 80-ern aktiv in der Friedensbewegung, heute geht man gegen die Wallstreet auf die Straße? Wofür gehst du heute auf die Straße?
Ich war erst letztens gegen die unkontrollierte Macht der Banken auf der Straße unter dem Motto „Banken in die Schranken", nicht als Teil der Occupy-Bewegung, sondern Occupy ist mit gelaufen. Ich gehe sonst eher für menschenrechtspolitische Fragen auf die Straße, oder nach dem absurden Beschluss der schwarz-gelben Koalition gegen den Wiedereinstieg in die Atomenergie bin ich auch auf die Straße gegangen, was durch Fukushima von schnellem Erfolg gekrönt war.
Du bist 2006/2007 bei Demos in Osteuropa beschimpft, mit Eiern und Tomaten beworfen und unter Arrest verhört und auch geschlagen worden. Woher rührt deiner Meinung nach die Angst vor Homosexualität?
Ich bin kein Sozialpsychologe, das hat in den osteuropäisch-postkommunistischen Ländern sicher zwei Gründe: Einerseits hat der Stalinismus durch Strafgesetze und repressive kontrollierende Gesellschaftsstrukturen unterbunden, dass jede offene Diskussion über Lebensstilfragen und Sexualität stattfinden konnte. Den Emanzipationsprozess, der bei uns in den 60-ern und 70-ern stattgefunden hat und dessen Träger die Lesben und Schwulen zu großen Teilen waren, konnte es dort nicht geben.
Durch den Wegfall der kommunistischen Ideologie haben die Staaten versucht, diese Lücke durch eine Rückbesinnung auf ihre jeweiligen Kirchen zu füllen. Das ist in großen Teilen die russisch-orthodoxe Kirche und das erleben wir ja auch in Griechenland, das nicht zum kommunistischen Einflussbereich gehörte, dass die stärkere Ablehnung von Homosexuellen aus der orthodoxen Kirche vom Staat und von der Bevölkerung übernommen wird. Aber auch in Russland zeichnet sich inzwischen ein Meinungswandel ab. Durch die stattgefundenen oder verbotenen Demonstrationen gab es öffentliche Diskussionen und eine freie Meinungsfindung.
Auf deine Intervention hat Thüringen die Speicherung der Homosexuellen in Polizeidateien eingestellt. Wie sicher ist man, dass dies auch geschieht, wo sich doch durch Facebook und die blauen Seiten viele bewusst bekennen und die Daten auch missbraucht werden könnten?
Wenn es zu einem Missbrauch von gespeicherten Daten kommen sollte, wird es irgendwann durch die Medien oder die Datenschutzbeauftragten aufgedeckt. Das gilt ja nicht nur bei Daten zur Homosexualität. Wo Daten gesammelt werden, gibt es auch immer Missbrauch, ob bei der Datenerhebung oder deren Verwendung. Die Daten beim Staat sind aber heute in Fragen Datenschutz nicht mehr das Hauptproblem, sondern die großen Datensammler wie Google, Facebook oder auch Gayromeo. Da brauchen wir international stärkere Vereinbarungen darüber, wie der Datenschutz im Internet geregelt ist. Es gibt ja aber - nicht zu vergessen - die Eigenverantwortung jedes Bürgers darüber, was er ins Internet stellt und was er damit auch ihm unbekannten Personen öffentlich macht.
Welche politischen Ereignisse beschäftigen dich zurzeit stark?
Am heftigsten beschäftigen mich zurzeit die Morde um die Mundlos/Tscherpe-Bande und dass dies so lange unentdeckt möglich war und natürlich die Euro- und Schuldenkrise. Letzteres hat ein ökonomisches und finanzielles Gefährdungspotential, das alles in Frage stellen kann, wenn es schief geht. Da hat man im Bundestag schon eine Verantwortung für das Sozialsystem und den Wohlstand der Menschen.
Du bist seit 1985 bei den Grünen, welche Hoffnung hast du für die Zukunft der Erde bezüglich Umwelt, Politik und Wirtschaft?
Bei der Umweltpolitik habe ich die Hoffnung, dass wir die Erderwärmung bei maximal 2 Grad der Welttemperatur stoppen können. Aber diese Hoffnung ist nur schwach und kaum noch zu schaffen, wenn man sich die letzten Zahlen zum CO²-Ausstoß anschaut. Damit hängt meine Hoffnung zur Wirtschaft zusammen, dass es eine Entwicklung der Wirtschaft gibt, die einerseits möglichst viele Menschen in Arbeit bringt, andererseits aber umweltverträglicher und ressourcenschonender wird. Darauf baut sich auch meine Hoffnung an die Politik auf, die eben dies steuern und beeinflussen muss.
Du bist Kämpfer der ersten Stunde. Sind Schwule/Lesben inzwischen „gleichgestellt" oder hat ein CSD seine politischen Ziele verloren?
Ich sehe gesamtgesellschaftlich keinen Rückschritt, aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Wir haben noch nicht die rechtliche Gleichstellung erreicht, sonst dürften wir heiraten und hätten einen besseren Diskriminierungsschutz im Zivilrecht. Aber es geht auch darum, in den Köpfen der Menschen etwas zu verändern.
Wir haben gesellschaftlich Terrain gewonnen. Ich glaube, die Mehrheit der Bevölkerung ist liberaler geworden. Aber noch immer ist an den Schulen „Schwule Sau" ein oft gebrauchtes Schimpfwort und problembelastete Mitbürger lassen ihre Wut und Gewalt immer noch bewusst an einer scheinbar schwachen Minderheit aus.
Du hast lange für das Partnerschaftsgesetz gekämpft, aber selbst nie geheiratet, warum?
Doch, wir haben uns 2008 nach 16 Jahren verpartnert. Das haben wir ganz diskret gemacht. Ich bin zwar immer offen schwul gewesen, aber mein Privatleben gehört nicht in die Öffentlichkeit.
Mit der OB-Wahl in Berlin kamst du ins Gespräch als OB-Kandidat für Köln. Was ist da dran?
Ins Gespräch gebracht hat mich eine Zeitung aus Düsseldorf. Ich habe nicht darüber nachgedacht, bis dieser Herr mich angerufen hat. Aber das ist ja zeitlich noch weit weg und ich strebe zur nächsten Bundestagswahl an, weiter im Bundestag zu bleiben. Weitere Karrierepläne habe ich bislang nicht.
Fühlst du dich heute mehr als Berliner oder doch noch als Kölner?
Ich habe meine Wohnung in Köln und bin, wie ich immer sage, politisch auf Montage in Berlin. Aber meine Heimatstadt ist Köln, auch wenn ich quantitativ als parlamentarischer Geschäftsführer mehr in Berlin sein muss.
Sind die Piraten heute da, wo die Grünen in den 80-ern auch angefangen haben? Kann eine Partei, die in der politischen Verantwortung steht, weniger innovativ, alternativ und im positiv auch crazy sein?
Ich denke, man kann in der Kommunikation mal crazy sein und darf mehr Witz haben, als man vielleicht im Alltag aufbringt. Am Ende geht es darum, das man Konzepte hat, um Zukunftsfragen zu lösen. Wer nur mit Fragezeichen und Witzen durch die Gegend läuft, wird im politischen Geschäft scheitern, weil er nichts für seine Themen erreicht.
Du lebst im Großstadt-Dschungel Berlin, würdest du in den Dschungel gehen, Kontakt zu giftigen Schlangen hast du politisch ja auch?
Never ever. Dazu muss man aber nicht ins Parlament gehen, da reicht auch die Schwulen- und Lesbenbewegung zurzeit.
Als Kind wolltest du .... ?
Ingenieur werden, geworden bin ich Kunsthistoriker. In die Politik wollte ich eigentlich nie, ich wollte Politik machen und war immer ein politisch denkender Mensch, aber ich wollte es nie zu meinem Beruf machen. Das ist eher zufällig passiert: Als in der ersten Grünen Bundestagsfraktion kein schwuler Abgeordneter vertreten war, kam ich dazu, um auf Mitarbeiterebene das Thema zu bearbeiten. Dann bin ich dabei geblieben, weil es mich reizte und ich dachte, ich kann als gewählter Abgeordneter Sachen besser machen, als wenn ich nur für andere MdB zuarbeite. Ich denke, mir ist in diesem Job vieles gelungen und viele Sachen sind eher gekommen, als wenn ich mich nicht darum gekümmert hätte.
Wovor hast du Angst?
Ich denke, du spielst auf die gegen mich gerichteten Angriffe in Moskau an. In der Situation davor hatte ich noch keine Angst. Ich dachte nicht, dass es so eskaliert und habe es ehrlich gesagt auch nicht für möglich gehalten. Als ich beim zweiten Mal mit dieser Erfahrung hingegangen bin, da hatte ich schon ziemlich Schiss, denn es hätte durchaus passieren können, dass man mich auf der Straße erschießt, mich wieder verprügelt oder auch „nur" festnimmt. Man sollte gefährliche Situationen schon wahrnehmen und es ist völlig normal, dass man Gefühle von Angst hat, die auch helfen an einer Risikominimierung zu arbeiten.
Was bringt dich auf die Palme?
Was mich maßlos ärgert, ist wenn bestimmte Leute auf Argumente oder Probleme gar nicht reagieren, sondern diese einfach ignorieren. Das ärgert mich im politischen und juristischen Exkurs, aber auch wenn man sich gegenüber bestimmten Problemen blind stellt, wie beim derzeit aktuellen rechtsradikalen Terrorismus.
Was sagst du zu gewaltverherrlichenden Texten von Bushido und der Verleihung des Bambi-Integrationspreises an ihn?
Ich habe das auch öffentlich kritisiert, denn ich finde jemand, der frauen- und schwulenverachtende Texte gesungen hat und nach wie vor damit Geld verdient, hat keinen Preis für Integration verdient, sondern eher einen Integrationskurs.
Schwul zu sein ist in der Politik heute kein Makel mehr. Sind sich schwule Politiker einander näher als Heterosexuelle?
Sicher hat man etwas Gemeinsames, weil man ein anderes soziales Rollenbild hat und ein anderes Verständnis für die Lebenswelt der Gleichen. Aber ich glaube, ich bin einem Guido Westerwelle ferner als manchem heterosexuellem Kollegen. Ich denke, wichtig ist der Respekt anderen gegenüber. Wer diesen Respekt aufbringt, ist auch erreichbar dafür, die politische Überzeugung für eine gerechte Sache in Frage zu stellen und eine eigene Meinung zu haben.
Unterscheidet sich die Community in Berlin von Köln?
Berlin ist spannend, interessant und härter, aber Köln ist fröhlicher, gemütlicher, entspannter. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich nach Köln komme.
Lässt deine politische Arbeit noch Stunden zum Kuscheln übrig?
Die Zeit muss man sich immer nehmen. Aber an Tagen, wo man 16 Stunden arbeitet, kann man sich ja ausrechnen, was da noch an Zeit für Privates bleibt - Kuscheln eingeschlossen.
Bild und Text: vvg



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