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MARIE LUISE NIKUTA

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Marie Luise Nikuta singt seit über 60 Jahren im Kölner Karneval und ist mit ihren Mottoliedern ein echtes kölsches Original. In der schwul-lesbischen Szene ist sie Kult und zu einer Ikone geworden.

Du hattest schon mit 13 den Hit mit „M'r fiere Fastelovend" - wie kamst du zum Karneval und welche Zeugnis-Noten hattest du in Musik?
Ich kam schon mit 7 in den Kinderchor, wo wir außer klassischen und volkstümlichen Sachen auch Karnevalslieder bei Auftritten gesungen haben. Mit 13 habe ich dann das Lied geschrieben und auch gesungen, damals war der Text noch etwas kindlich ausgedrückt, aber ich habe das Lied textlich der Zeit angepasst verändert und noch heute in meinem Repertoire. In Musik hatte ich eine 2, manchmal sogar eine 1.

Wärst du heute gerne noch einmal 13?
Eigentlich nicht, obwohl ich trotz schlechter Zeiten eine schöne und behütete Jugend hatte. Mit 13 ist man gerade in der Pubertät und dadurch manchmal auch etwas widerlich, das kenne ich auch aus meiner Jugend. Mit 17 fing man an zu poussieren. Das war eine schöne Zeit, aber eigentlich finde ich jedes Alter schön.

Heute trifft man Teenager ja eher bei Castings?
Ich halte da gar nicht viel von. Sicherlich gibt es außergewöhnlich gute Talente, aber mit 13 hat man noch nicht die Reife, um darüber zu entscheiden, was man im Leben wirklich will.

Viele männliche Kollegen neideten dir deinen Erfolg im Karneval ...
Die dachten, da ist wieder so eine doofe, singende Hausfrau und haben mich nicht für voll genommen. Damals habe ich nur gedacht: Wenn ich das alles umsetzen kann, was so in meinem Kopf ist, werden sich alle noch sehr wundern. Gott sei Dank hat sich im Laufe der Zeit im Karneval vieles verbessert; obwohl ich der Meinung bin, dass einige Sachen nicht dazu gehören. Meine Tochter sagt immer: „Man hört das ganze Jahr hindurch immer englische und Ballermann-Musik, wenigstens zum Karneval möchte ich deutschsprachige und kölsche Karnevalslieder hören." Da muss ich die Bayern loben, die sind wesentlich traditionsverbundener.

Du bekamst zig Orden – und sogar als einzige Frau die „Ostermann-Medaille", wie wichtig sind dir solche Anerkennungen?
Ich war schon sehr stolz, dass ich - gerade 5 Jahre im Karneval - die Ostermann-Medaille für das Lied „Das alte Sofa aus der Köch" erhielt. Da habe ich schon bemerkt, dass viele männliche Kollegen, die schon wesentlich länger beim Karneval waren, sehr neidisch auf mich waren. Und über Orden freut man sich, das sind schließlich Zeichen, dass man gute Arbeit macht. Ganz toll fand ich, dass ich gerade Anfang Februar vom Düsseldorfer Landtagspräsidenten die „Auszeichnung für besondere Verdienste für Brauchtum und für das kölsche Lied" erhalten habe. Das ist eine große Ehre.

Dieses Jahr hast du dein 32. Mottolied „Jedem Jeck sing Pappnas" geschrieben. Ist „Pappnas" nicht ein Wort, wenn man auf jemand sauer ist?
Die „Pappnas" ist natürlich kein Schimpfwort und nicht böse gemeint, sondern steht eher im Sinne von „Du Witzbold". Ich habe aber auch für verschiedene Gruppen und Vereine Mottolieder geschrieben, es sind also weit mehr als 32 Lieder.

Wie entstehen deine Lieder?
Ich beschäftige mich mit einer Grundidee über Alltagsgeschichten, z.B. der Straßenbahnsong oder dem aktuellen Karnevalsmotto, und schreibe die Texte meist im Bett – oft liegen tausend Blätter herum und mein Schlafzimmer sieht aus wie ein Schlachtfeld – überlege dann, wie ich das musikalisch umsetze, vertone es selbst am Klavier und sage dem Arrangeur später exakt, welchen Stil das Lied hat und welche Instrumente dazu eingesetzt werden müssen.

Was war dein bisher größtes Malheur auf der Bühne?
Als ich mal um ein Haar ohne Rock aufgetreten wäre: Ich stieg im Mantel aus dem Auto und hatte vergessen, dass ich den gebügelten Rock noch im Auto liegen hatte; weil ich eitel war, wollte ich nicht, dass er vom Sitzen Falten bekam. Das wäre was geworden. Ein anderes Mal musste ich einen Wickelrock während des Auftritts festhalten, weil ich merkte, dass sich ein Knopf löste. Und im Publikum saß eine Journalistin, die nur darauf wartete, dass die Sache platzte.

Warum trittst du immer in Blau auf?
Weil ich als Köbes (Kellner im Kölschen Brauhaus) aufgetreten bin und Kölsche Köbesse sind blau. Dann wurde mir das Kostüm zu warm und ich habe mich modernisiert, bin meinem Blau aber immer treu geblieben.

Weiberfastnacht regieren die Weiber, was würdest du politisch ändern, wenn du die Frau an der Macht wärst?
Als Frau Merkel selber würde ich was an meinen herunterhängenden Mundwinkeln machen lassen; politisch finde ich, macht sie ihre Sache sehr gut. Wenn ich regieren dürfte, würde ich nicht so viel Geld für Griechenland ausgeben. Die armen Griechen können einem zwar leid tun, aber da hat das Land einfach wirtschaftlich geschlampt und die Reichen haben eh' ihr Geld. Das würde ich in dem Maße nicht unterstützen.

Viele Frauen lassen sich operativ erneuern, wird heutzutage grundsätzlich der Jugend- und Schönheitswahn übertrieben?
Das wird total übertrieben. Wenn jemand eine krumme Nase, abstehende Ohren oder Tränensäcke hat und sich das korrigieren lässt, könnte ich das nachvollziehen - egal ob Mann oder Frau. Aber wenn eine Frau ein gewisses Alter hat und mit dem Gesicht einer 20-Jährigen auftritt, passt das nicht. Oder diese Schlauchbootlippen, die sich ja auch schon junge Frauen machen lassen, finde ich entsetzlich. Das Alter erkennt man trotzdem an den Händen und am Hals.
Ich habe gelesen, dass es in USA üblich ist, dass Eltern ihren Kindern schon Busenkorrekturen erlauben und ermöglichen, das verstehe ich gar nicht. Das liegt natürlich an der Werbung, da muss man schlank sein, eine schöne Haut und einen tollen Körper haben, toll gekleidet sein. Dass dann Leute, die vom lieben Gott nicht die Schönheit mitbekommen haben, gewisse Komplexe bekommen, ist doch verständlich. Aber richtige Schönheit kommt eh aus dem Herzen.
Es gibt weniger gutaussehende Menschen, die haben etwas an sich, das man interessant findet und das sie schön macht. Das ist doch viel mehr wert als eine schöne Fassade. Davon handelt auch mein Lied „Entweder man hät et ..."

Alle Welt hat Angst vor dem Altwerden; du bist stolzer Jahrgang 1938, gab es Ängste in deinem Leben?
Eigentlich nicht, wenn man ein zufriedenes Leben hat, lebt man angstfreier. Es ist ja nun mal der Lauf der Zeit, dass jeder von der Welt gehen muss. Mein vor 4 Jahren verstorbener Mann hatte Alzheimer; das ist eine schreckliche Krankheit. Ich konnte mich dadurch auch mit dem Tode auseinandersetzen. Es klingt vielleicht hart, aber für ihn war es eine Erlösung, als er verstarb. Das war eine ganz harte Zeit für uns und ich glaube, wenn ich nur Hausfrau gewesen wäre und hätte meine Musik nicht gehabt, hätte ich das nicht so gut verkraftet. Von daher kann ich auch gut einen Günther Sachs verstehen, der mit dieser Krankheitsdiagnose bewusst aus dem Leben getreten ist.

Du bist eine Stimmungskanone und immer gut drop? Gibt es auch besinnliche Momente, fließen auch schon mal Tränen?
Oh ja, als ich jetzt von meiner Düsseldorfer Auszeichnung hörte, hatte ich Freudentränen in den Augen. Und wenn ich emotionale Filme wie „Vom Winde verweht" oder „Jenseits von Eden" sehe, berühren die mich schon sehr.

An Karneval tobt der Mob - was bringt dich zum Toben?
Ungerechtigkeit. Leute, die arrogant sind, denn Arroganz ist wie Dummheit. Leute, die ihre Versprechen nicht einhalten. Und Unpünktlichkeit kann ich auch nicht vertragen. Ich selbst bin Pünktlichkeitsfanatikerin.

Wie viele Auftritte hast du in so einer Session?
Ungefähr 60-70, bis Rosenmontag habe ich täglich mindestens einen. Der schlimmste Tag ist immer Weiberfastnacht. Dann ist der Heumarkt proppevoll und überall sieht man entweder Männer, die an die Häuser pinkeln oder besoffene junge Leute, die schon morgens besoffen in Köln ankommen.

Hast du eine persönliche Hitparade deiner Songs?
Oh je, das waren ja so viele; ich habe ja mindestens 42 Singles, 20 LPs und ca. 15 Maxi CDs und 10 Alben herausgebracht. Schön fand ich „Engelcher", „Ich han dis Naach jedräump", „E paar Groschen för Ihs", „Straßenbahn Song" oder „Einmol ehm Johr" - die kommen immer wieder so gut an, dass alle Leute laut mitsingen. Auch das aktuelle Lied kommt gut an. Ich bin ja auch die Erfinderin des Karnevals-Potpourris: Wenn ich früher immer als erster nach einer Pause in dem etwas lahm gewordenem Saal mein Mottolied vorstellte, musste ich die Leute erst wieder in Stimmung bringen. Da kam mir die Idee, die alten Hits zu einem Potpourri zusammen zu fassen.

Ein weiterer Hit hieß „Loss m'r levve, un levve losse" - wie bist du zum schwulen Karneval gekommen?
1975 kam ich in das mir unbekannte „Pimpernel", in dem ich auftreten sollte. Ich war sehr erstaunt, denn da standen überall knutschende Männer. Aber ich hatte ja nie Berührungsängste, die Stimmung war kolossal und die Jungs haben mich wahnsinnig toll gefeiert. Dann bin ich dort jedes Jahr aufgetreten, dadurch kam ich dann zum „MS Panther-Ball", damals noch in der Comedia Colonia. Und so vergrößerte sich der Kreis immer mehr.

Mittlerweile bist du eine Schwulen-Ikone und viele schwule Männer treten auf Sitzungen oder Bällen als Marie Luise Nikuta auf. Macht dich das stolz?
Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, das frage ich mich auch öfters. Aber ich finde es herrlich und genieße das. Es gibt sogar einen Karnevalsverein, der sich „Die Nikuten" nennt und wo junge, große Männer jedes Jahr mit roter Perücke und blauem Kleid im Veedelszug mitlaufen. Und es gibt sogar welche, die in dieser Verkleidung vor meiner Tür stehen und um ein Autogramm bitten; das ist schon lustig.

Es gab ja schwule Prinzen und Jungfrauen, die wegen ihrer Homosexualität abdanken mussten. Ist denn der Karneval toleranter geworden?
Das hat sich normalisiert, wo wir jetzt sogar einen schwulen Prinzen im Dreigestirn haben. Die Leute feiern Prinz Markus II. und das ist immer ein Riesenspektakel. Der kommt super an und ist ja auch ein schmucker Mann. Aber die Stimmung war leider nicht immer so: In den 70ern bekam ich sogar böse Briefe vom damaligen Festkomitee, das sich darüber beschwerte, dass ich auf schwulen Veranstaltungen auftrat. Aber das hat mich nie gestört. Schon meine Eltern hatten einen schwulen Buchhalter, den hat mein Vater sogar vor den Nazis in unserem Hause versteckt und beschützt.

Unterscheiden sich schwul-lesbische Sitzungen von den heterosexuellen?
Natürlich, die Schwulen feiern viel besser, da ist eine viel größere innere Bereitschaft und eine gewisse Fröhlichkeit. Bei „normalen" Sitzungen sitzen die Leute oft gelangweilt mit der Einstellung „Nun mach mal und unterhalt mich".

Du bist sowohl beim Rosenmontagszug als auch bei der CSD-Parade dabei. Wo liegen die Unterschiede?
Das kann man nicht vergleichen. Karneval ist im Winter, da denke ich oft, ich erfriere. Und der CSD ist Karneval im Sommer. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass 9 Monate nach dem Karneval mehr Kinder geboren werden.

Welche drei Wünsche hast du an die berühmte Fee?
In erster Linie Gesundheit für meine Familie, Freunde und mich selber. Dann, dass sich die Leute in Ländern wie Ägypten, Syrien oder Somalia wieder verstehen. Meine Mutter sagte immer „Wenn man sich in der Familie nicht versteht, wie soll sich dann ein ganzes Volk verstehen; geschweige denn die ganze Welt?" Und drittens, dass die Leute toleranter werden und nicht für jeden Furz auf die Barrikaden gehen. Man soll nicht immer so kleinlich sein. Lieber „Loss m'r levve, un levve losse".

Was war eines der schönsten Komplimente, die du bekamst?
Als eine Frau meiner 13-jährigen Tochter nach einem Auftritt sagte: „Deine Oma ist aber noch ganz gut dabei; die bewegt sich noch super; ist noch richtig tough und lustig und sieht auch noch ganz gut aus!" Darauf sagte meine Enkelin todernst. „Aber sie ist trotzdem ein bisschen jeck!"

Bild und Text: vvg
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