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DAVID BERGER

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David Berger wurde als katholischer Theologe und Philosoph bekannt. Lange Zeit engagierte er sich im konservativen katholischen Milieu, bis er sein Doppelleben als Homosexueller und Religionsvertreter nicht mehr durchstand. Sein Coming-out als Homosexueller erzeugte eine Kontroverse. Im Mai 2011 entzog ihm das Erzbistum Köln die kirchliche Lehrberechtigung zur Erteilung von katholischem Religionsunterricht.


Im Nov. 2010 erschien „Der heilige Schein“, dein Buch, in dem du dich kritisch mit der Einstellung der kath. Kirche zur Homosexualität beschäftigst und der Kirche Homophobie bescheinigst. Woraus resultiert diese deiner Meinung nach?
Homophobie hat ganz viel – das zeigen auch neuere Studien - mit unverarbeiteter Homosexualität zu tun. Gerade in der kath. Kirche gibt es einen ungeheuer großen Anteil homosexuell veranlagter Priester und die wichtigsten Leute innerhalb der kath. Kirche sind größtenteils homosexuell, dürfen das aber nicht ausleben, es ist tabuisiert und da entsteht geradezu notgedrungen eine homophobe Grundstimmung.

Im Mai 2011 entzog dir der Kölner Erzbischof die Lehrererlaubnis als Religions-Lehrer. Du bist daraufhin aus Protest aus der Kirche „als Körperschaft des öffentlichen Rechts“ ausgetreten. Käme ein „Konvertieren“ oder ein Leben ohne Kirche für dich in Frage?
Derzeit kann ich mir das nicht vorstellen, konvertieren sowieso nicht, weil ich im kath. Glauben groß geworden bin. Allerdings brauche ich nicht unbedingt die Bestätigung von Kardinälen oder Priestern. Die Kirche konstituiert sich vor allem in meinem persönlichen Glauben, den ich mit vielen anderen Gläubigen teile, und der ist mir derzeit noch wichtig.

Über 400 Schüler haben sich für dich vor dem Kölner Dom zur spontanen Demo versammelt. Glaubst du, dass sich die Kirche in der nächsten Generation wandeln und zu Fehleinschätzungen zur Homosexualität bekennen wird, wie bei Galileo mit seinem heliozentrischen Weltbild?
Der Vergleich mit Galileo ist ganz gut, weil das auch viele Jahrhunderte gedauert hat, bis die Kirche das eingesehen hat. Der erklärte Krieg der Katholiban gegen diese selbstbewusst ausgelebte Homosexualität ist gerade mal 30 – 40 Jahre alt; vorher hat man sich mit dem Thema so gut wie nicht beschäftigt. Das Randthema ist zentrales Thema geworden; nach derzeitigem Stand wird sich in der kath. Kirche in den nächsten 10 Jahren nichts bewegen. Im Gegenteil, sie wird ihre Position weiter extremisieren. Und dann wird man auch gerade bei selbstbewussten Homosexuellen mit vitalem Widerstand rechnen müssen und das ist auch gut so.

Der Kirchenhistoriker Rudolf Lill spricht von einer sichtbaren Teilung der kath. Kirche: Auf der oberen Seite die Prälaten und Kirchenfunktionäre, auf der unteren Seite die Pfarrer und Gemeinden. Das schadet aber letztendlich dem Papst und der Kirchenhierarchie selbst – sind das sozusagen „Prügel vom lieben Gott“?
Ich glaube, das ist einfach eine konsequente Entwicklung innerhalb der kath. Kirche, die sich aus dem immer reaktionärer Werden der Oberen ergibt. Wer heute in der kath. Kirche Karriere machen will, der muss konservativ und homophob sein. Dadurch trennen sich die einfachen Gläubigen, die meistens im Hinblick auf unser Thema sehr tolerant sind, von den führenden Geistlichen - besonders in den aufgeklärten Ländern.

Warum sind Mitarbeiter der Kirche immer noch Papst- und Kardinal-gläubiger als Gott-Gläubig?
Für die Katholiken macht das keinen Unterschied, die leben in einem System, dass sich Gott immer über Zweitinstanzen vermittelt. Zum einen über Maria, zum andern über Priester und Papst, die den eigentlichen Kontakt zu Gott herstellen. Direkten Kontakt mit Gott darf es eigentlich gar nicht geben. Dass der Papst „Pontifex“ also „Brückenbauer“ genannt wird, hängt damit zusammen. Um sich beim „katholischen Gott“ beliebt zu machen, muss man den Weg über den Papst nehmen. Der ist sozusagen die Vorzimmerdame Gottes.

Das 8. Gebot lautet: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“. Ein anderes Gebot heißt „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – schließt man daraus, dass man lügen soll, wenn es sich beim Nächsten um einen gleichgeschlechtlich Liebenden handelt?
Die kath. Kirche würde das so interpretieren, dass es keine Lüge ist, denn man liebt diesen Menschen und möchte ihn von seinem schlechten Verhalten wegbringen. Da wird im Gegensatz zu den absoluten Hasspredigern das Helfersyndrom herausgeholt. Man hasst die Homosexualität, aber liebt angeblich den Homosexuellen und möchte ihn auf den richtigen Weg führen.

Wie hast du den Widerspruch beider Welten für dich persönlich gelöst?
Wenn ich abends im Chains oder anderen schwulen Kneipen besonders intensiv gefeiert habe, hat es gut getan, am nächsten Morgen zur Liturgie in den Kölner Dom oder die St. Maria in der Kupfergasse zu gehen und dort eine sakrale Gegenwelt zu haben. Das ist schon eine Art Schizophrenie. Irgendwann haben sich beide Welten überschnitten, nämlich als ich auf Grund meines homosexuellen Lebens vom kirchlichen Vorgesetzten unter Druck gesetzt wurde.
Da ist mein schwules Leben benutzt worden, um mich auf Linie zu halten. Daraufhin habe ich irgendwann den endgültigen Schlussstrich gezogen.

Apropos Lüge: Verliert die Lüge nach einer Beichte ihre Verlogenheit?
Streng genommen von der Kirchendoktrin muss ich, damit die Beichte gültig ist, mein Vergehen bereuen, um vom Priester die Absolution zu bekommen. Ich habe es immer wieder erlebt, dass bei denen, die ein Doppelleben führen, es wirklich zu einem schlechten Gewissen kam, wenn der Trieb befriedigt und die Beichte ernst gemeint war. Das hat natürlich nur angehalten, bis der Trieb wieder da war. Das ist für die kath. Kirche perfekt. Menschen mit schlechtem Gewissen sind viel beherrschbarer als Menschen, die selbstbewusst leben oder eine reine Weste haben. So lassen sich Homosexuelle in der Kirche permanent beherrschen und das ist ein sehr wichtiger Faktor für die Macht der Kirche. Das Schlimmste für die Kirche unter reinem Machtaspekt wäre also, wenn sie die Homosexualität legalisieren würde.

Die Kirche machte dir den Vorwurf, eindeutig im homosexuellen Milieu verwurzelt zu sein, wie ist dein Verhältnis zur schwul-lesbischen Szene?
Ich habe von Istanbul bis Kopenhagen vieles ausprobiert. Das hatte im gewissen Sinne etwas Unmoralisches, weil ich die Freiheiten genossen habe, die die Szene erkämpft hat, aber bei einer Organisation mitarbeitete, die diese Freiheiten rückgängig machen will. Im Moment, als ich unter Druck gesetzt wurde, hat sich mein Denken gewandelt. Mir wurde klar, dass wir für die Freiheiten und Möglichkeiten, die wir jetzt haben, keine Garantien besitzen, die bis zum Jahr 3000 reichen. Diese Freiheiten müssen wir immer wieder neu erkämpfen. Heute genieße ich die Szene, weiß aber auch, dass ich eine gewisse Verantwortung habe, die ich wahrnehmen möchte. Wenn es um die Emanzipation und Freiheiten von Homosexuellen geht, ist mir wichtig, dass ich mithelfe, den Teil unserer Gesellschaft, der für Homophobie mitverantwortlich ist, klar in die Grenzen zu weisen und den Leuten aufzeigen kann, dass die kath. Kirche gefährlich ist.

Unterscheiden sich für dich dabei katholische und evangelische Konfession, oder gar andere Religionen diesbezüglich?
Jede wirklich große Religion hat homophobe Anteile - selbst Weltreligionen, die man immer für so tolerant hält. Tatsächlich ist das derzeit in allen existierenden Weltreligionen ein sehr wichtiges Thema. Es gibt Leute, die sich wahllos auf Bibelstellen berufen, um zu begründen, dass Homosexualität bei Paulus eine Sünde ist. Dabei kannte Paulus Homosexualität in unserem heutigen, offen gelebten Sinne gar nicht. Er hat kein Urteil darüber gefällt, wie Homosexualität heute gelebt wird. Paulus war nachweislich kein „Box“-Leser.

Es heißt ja, Schwule können keine Kinder kriegen, aber sie werden trotzdem immer mehr. Das ist ja die große Sorge von fundamentalistischen Predigern, weil sie befürchten, dass das ansteckend ist. Allerdings verwickeln sich diese Leute in Widersprüche: Einmal sagen sie, dass es vererbbar scheint, ein anderes Mal fragen sie sich, wie heterosexuelle Eltern zu homosexuellen Kindern kommen. Ob es tatsächlich mehr werden, weiß ich nicht, es werden auf jeden Fall mehr, die selbstbewusst dazu stehen.

Hast du innerhalb der Kirche noch Freunde?
Es sind noch Freundschaften aus alter Zeit erhalten geblieben, aber es haben mich nach meinem Outing auch sehr gute Freunde verleugnet und jeglichen Kontakt mit mir abgebrochen, weil sie es sich nicht leisten wollten, mit mir in Verbindung gebracht zu werden, ohne selbst in den Verdacht zu kommen, eventuell auch „so“ zu sein. Andere wandten sich durch meine Öffentlichkeitsarbeit an mich, ließen mir Information zukommen. Ich habe einen ganzen Ordner mit Briefen von schwulen Priestern, die sich dafür bedanken, dass sich endlich mal einer traut, zu sagen, wie sie unterdrückt werden. Sie fanden es wichtig, dass das von jemandem kam, der tiefen Einblick im konservativen Spektrum hatte.

Luther prangerte den Ablasshandel an, du den Umgang der Kirche mit Homosexualität. Ist es Zeit für eine neue Reformation?
Schon lange. Ich denke, nicht nur im Hinblick auf die Homosexualität, sondern wir brauchen in der kath. Kirche generell ein neues Verhältnis zum Thema Sexualität. Sexualität ist mehr als ein biologischer Begattungakt zur Fortpflanzung, zur Erhaltung der Art. Da findet ganz viel menschlicher Austausch und emotionale Bereicherung statt, was für das psychische Gleichgewicht ganz wichtig ist. Aus diesem interpersonalen Geschehen erhält die Sexualität ihren Wert.

Als Kind wolltest du ...
...katholischer Priester werden. Das fing schon mit 4 an, wo ich ein selbst gebasteltes Messgewand anhatte und mir einen Altar gebaut habe. Aber nicht nur die „Kleidung“, sondern auch die „Männerliturgie“ und die Gesänge haben mich als Gesamtkunstwerk fasziniert.

Wann hast du dem ersten „Rock“ nachgeschaut?
Auf Ministrantenfahrten, als man nur mit Jungens unterwegs war, kam es zu den üblichen Spielereien. Dass ich auf Jungens stand, merkte ich mit 12/13 Jahren. Natürlich meldete sich das schlechte Gewissen, weil ich ja Priester werden wollte und da war Sexualität tabu.

Wie haben deine Eltern reagiert?
Meine Mutter hat zuerst geheult und gesagt, dass ich es im Leben schwer haben würde. Mein Vater hat das nicht weiter thematisiert, es lief einfach so weiter und meinen Freund fanden alle dann sehr nett.

Wann hast du das letzte Mal geweint?
Als ich vor einigen Jahren eine schwere Krise mit meinem Freund hatte, sind viele Tränen geflossen. Zum einen, weil es schwer ist, wenn man nach gemeinsamen 17 Jahren merken muss, dass es so nicht weitergehen kann, wie es bisher lief. Zum anderen war das auch die Zeit, wo die Schwierigkeiten mit meinen kirchlichen Vorgesetzten anfingen. Das war die Zeit, wo es mir psychisch sehr schlecht ging.

Was bringt dich zur Weiß-Glut?
Ungerechtigkeit. Das habe ich ja zur Genüge selbst miterlebt und erlebe das nach wie vor noch. Katholische Kirche und schwule Welt unterscheiden sich da nicht allzu sehr.

Wovor hast du Angst?
Ich bin an und für sich ein sehr ängstlicher Mensch, aber in den letzten Jahren mutiger geworden. Ängste beschränken sich auf so allgemeine Ängste: Wie wird es sein, wenn man krank wird? oder: Wird das glückliche Leben, das wir jetzt führen, immer so bleiben? Ich habe Furcht, dass die Schwulen zu Sündenböcken werden, wie man es aus anderen Zeiten kennt, wenn es wirtschaftlich bergab geht. Und dass die Kirche die dann einsetzende Hatz moralisch gerne absegnen wird.

Hast du Angst vor Racheakten der Kirche?
Es gab schon Leute, die mich gewarnt haben, aber die Kirche wird sich derzeit nicht leisten können, einen Märtyrer zu machen. Dennoch bin ich – aufgrund der Drohungen besonders fundamentalistischer Katholiken aus dem Lager der Neonazis - vorsichtig geworden und mache keine Dates mehr mit Unbekannten auf Grund der vielen Morddrohungen, die ich aus dem ultrakatholischem Lager bekommen habe. Ich merke, dass diese Drohungen ihr Ziel erreicht haben.
Mut ist, einen Weg zu gehen, vor dem andere fliehen. Du ver-MUT-est, der Papst hätte in über 80 Lebensjahren selber Homokontakte unterhalten.

Glaubst du, es kommt gar noch zu einem späten Outing?
Ich kenne einige Zeugen, die behaupteten, dass der Papst homosexuelle Kontakte praktiziert hat, nur will das keiner eidesstattlich bezeugen. Mir ist klar, dass er homosexuell veranlagt ist. Und das ist das letztlich Entscheidende: Diese extreme Homophobie, die er an den Tag legt, erklärt sich eigentlich nur als Projektion seiner eigenen inneren Kämpfe, die er all die Jahre ausgetragen hat. Wenn er dann die Probleme mit der eigenen Sexualität zu Kirchenpolitik und Doktrin werden lässt, muss man das thematisieren.

Wenn dieses Interview veröffentlicht ist, befindet sich Köln im CSD-Taumel - das muss für Kardinal Meissner ja Sodom und Gomorra sein, schließlich feiern laut kreutz.net 100.000 „in der Homokloake gefangene Abfall-Katholiken“ mit ihren „Unzuchtspartnern“.
Natürlich ist das für Kardinal Meissner und seine Entourage, die vor allem aus den Opus Dei - Getreuen besteht, eine psychische Katastrophe. Aber die Kirche hält sich zurück, wo sie gesellschaftlich und politisch keine andere Chance sieht. Sie ignoriert es offiziell und versucht stattdessen hinter den Kulissen zu wirken. In Ländern aber, wo die anderen Meisnerlein merken, dass sie die dumpfe Stammtischmentalität der Menschen hinter sich haben, sind sie sofort auf der Seite derer, die da homophob agieren. Das sieht man z.B. in Russland, wo gerade verschärfte Gesetze gegen Pride-Demonstrationen verabschiedet worden sind. In Köln traut man sich das nicht, hier feiert ja fast die ganze Stadt.

Worauf freust du dich in der Zukunft?
Weiterhin journalistisch und publizistisch für eine gute Sache tätig zu sein. Und auf mein Privatleben, das jetzt freier und offener geworden ist.

Was möchtest du zum Schluss noch gerne sagen?
Was mir noch einmal wichtig ist: 1.) Homosexualität wird in der kath. Kirche benutzt, um Leute gefügig zu halten und unter Druck zu setzen. Das geht soweit, dass sich homosexuelle Mitarbeiter auf Grund des fehlenden Selbstwertgefühls bemühen, besonders loyal, konservativ und besonders gute Katholiken zu sein. Und 2.) Was die katholische Kirche macht, geht nicht nur Katholiken etwas an: Durch ihren besonderen Status hat sie einen immensen Einfluss auf die Gesellschaft und Politik. Sie ist derzeit einer der wichtigsten Faktoren im Kampf gegen die Freiheiten und die Gleichberechtigung homosexueller Menschen.

Gibt es Dinge, die du bereust?
Ja, ich würde unter menschlichem Aspekt sagen, dass ich bereue, so lange gerade für den extrem konservativen Flügel innerhalb der kath. Kirche gearbeitet und dieses doppelte Spiel gespielt zu haben. Unter objektivem Aspekt bereue ich es nicht, denn dadurch hatte ich die Möglichkeit, zum Kronzeugen zu werden, für das, was in der kath. Kirche passiert, und – wie mir immer wieder bestätigt wird: sehr authentisch - aus ihrem Innenleben zu berichten. Das habe ich nur machen können, weil ich im System drin war.

Bild und Text: vvg
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