FREUE, FREUE DICH, O CHRISTENHEIT!

Die Liedzeile aus dem bekannten Weihnachtslied „O du fröhliche" sagt alles darüber aus, warum wir Weihnachten feiern. Das weltweit bekannte Lied stammt von Johannes-Daniel Falk (geb. 1768 in Danzig). Zur Zeit der Napoleonischen Kriege leitete er ein Rettungshaus für verwahrloste Kinder, für diese schuf er 1816 dieses wunderschöne Lied. Doch was ist Weihnachten in unserer Zeit?
Unser heutiges Weihnachtsfest entwickelte sich in mehreren Schritten.
In der Urkirche entwickelte sich ein Fest der Menschwerdung Christi erst, als man zu der Erkenntnis kam, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Das war 325 auf dem Konzil von Nicaea, als das Glaubensbekenntnis formuliert wurde. Aber es gab vorher parallel auch schon das Fest der Erscheinung des Herrn am 6. Januar. Aus der ägyptischen Stadt Faijun ist uns aus dem Jahr 300 ein Liedblatt erhalten, das einen weihnachtlichen Wechselgesang von Chor und Gemeinde belegt. In Rom wurde damals noch das heidnische Fest „Natalis Solis invicti" am 25. Dezember gefeiert, das Fest des Sonnengottes. Erst im Jahre 354 legte Papst Liberius das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember fest, um das Sonnengottfest zu verdrängen. Im 5. und 6. Jahrhundert wird Weihnachten zum dritten Hochfest der Christenheit, nach Ostern und Pfingsten. Vom 9. bis zum 16. Jahrhundert entwickelten sich viele Weihnachtsbräuche, die noch heute für uns Weihnachten ausmachen. Welche Bedeutung das Weihnachtsfest im frühen Mittelalter hatte, kann man daran ersehen, dass sich Chlodwig am 25.12.498 in Reims taufen ließ und Karl der Große sich am 25.12.800 in Rom durch den Papst zum Kaiser krönen ließ.
Was bedeutet Weihnachten für Lesben und Schwule?
Lesben und Schwule unterscheiden sich kaum vom Rest der Gesellschaft. Alle sind in die weihnachtlichen Sitten und Gebräuche ihrer Heimat eingebunden. In vielen Familien gibt es einen traditionellen Ablauf von Weihnachten. Angefangen vom Schmücken des Baumes, dem Aufstellen der Krippe, der Weihnachtsmusik und dem Festessen ist hier vor allem auch der Brauch lebendig, sich zu beschenken.
Dieser Brauch entwickelte sich vom 16. bis 19. Jahrhundert in evangelischen Kreisen aus der Kinderbescherung. Die evangelischen Kinder bekamen ihre Geschenke vom Christkind, während bei katholischen Kindern der Heilige Nikolaus der Gabenbringer war. Nur in nichtchristlichen Familien gab es die Geschenke vom Weihnachtsmann.
Der Weihnachtsmann entwickelte sich in protestantischen Gegenden Deutschlands im 19. Jahrhundert, als man dort den Bischof Nikolaus seiner Berufskleidung beraubte. Mit der Zeit wurde er pausbäckig mit Bäuchlein, bekam einen mit Fell besetzten Mantel und eine passende Pudelmütze. So wurde er zu einer Mischung aus Nikolaus und einem gutmütigen weißbärtigen Großvater. Im 20. Jahrhundert entdeckte der Handel den Weihnachtsmann und vereinnahmte ihn für die Verkaufsförderung.
Auch der Getränkemulti Coca-Cola sah das Potenzial des Weihnachtsmanns und verpasste ihm das Coca Cola-Rot für Mantel und Mütze, was sich inzwischen weltweit als Original-Kleidung für den Weihnachtsmann durchgesetzt hat.
Ist Weihnachten für Schwule und Lesben ein kirchliches Fest?
Nach einer Umfrage eines großen deutschen Boulevardblatts besuchen 49 % der Deutschen zu Weihnachten einen Gottesdienst. Der Besuch eines Weihnachtsgottesdienstes ist im Westen der Republik wesentlich größer als im Osten, was sicherlich an der fehlenden Tradition aus DDR-Zeiten liegt. Allerdings steigen auch im Osten die Besucherzahlen kontinuierlich an.
Besonders an Weihnachten verkörpern die Kirchen ein Stück Heimat. Der Besuch der Familie zu Weihnachten ist bei vielen Schwulen und Lesben obligatorisch, und oft genug zählt der Besuch der Kirche an Weihnachten selbstverständlich dazu. Gerade zu Weihnachten sieht man besonders viele Schwule und Lesben in den Kirchen.
Das Singen der vertrauten Lieder und die Liturgie vermitteln ein Stück Geborgenheit auch für Menschen, die sonst selten einen Gottesdienst besuchen. Dann ist auch der Ärger über Priester und Bischöfe vergessen, die sich übers Jahr erzkonservativ über Schwule und Lesben geäußert haben. Aber es gibt auch noch Priester, Pfarrer und selbst Bischöfe, die keine Berührungsängste im Umgang mit Lesben und Schwulen haben.
In Köln kann man zur Christmesse im Dom viele Lesben und Schwule treffen, die man sonst nur in der Szene sieht. Alle Jahre wieder feiern sie dann gemeinsam das Weihnachtsfest, und singen „Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!"
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in das neue Jahr 2012.
Ihr Karl-Heinz Scherer



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