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SCHWUL-LESBISCHER KARNEVAL UND KIRCHE! GEHT DAS?

Veröffentlicht in GLAUBE UND KIRCHE

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Diese Weisheit ist für Personen, die nicht aus den Karnevalshochburgen kommen, sicher ungewöhnlich, aber ohne die Kirche gäbe es keinen Karneval. Jedem/r, der schon mal den Karneval in Köln erlebt hat, ist sicher aufgefallen, wie eng die Verbindung zwischen Kirche und Karneval ist. Die Dauer der Karnevals-Session richtet sich nach dem Termin des Osterfestes. Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, und in der Zeit davor, vom 1. Januar an, ist Karnevals-Session, in der sich das närrische Volk so richtig austoben kann. Besonders wichtig ist dabei die richtige Verkleidung - und das richtige Kostüm zu finden, ist eine besondere Stärke der Schwulen und Lesben.

Bereits noch in den Jahren der Verfolgung unter den Nazis, als es auch noch den berüchtigten § 175 gab, hatte mancher Schwule den Mut, sich als Frau zu verkleiden. Das war sehr gefährlich, denn dies konnte ins KZ führen. Zu dieser Zeit durfte selbst die Jungfrau des Kölner Dreigestirns nicht mehr von einem Mann dargestellt werden, weil die Nazis dahinter „homosexuelle Umtriebe" und Volksschädlinge sahen. Das ist inzwischen ganz anders, in dieser Session hat Köln einen offen schwulen Prinzen im Dreigestirn. Am 6. Januar 2012 wurde der 33-jährige Marcus Gottschalk, der in einer schwulen Partnerschaft lebt, bei der Prinzenproklamation im Kölner Gürzenich zusammen mit Bauer Thorsten (Torsten Schmidt) und Jungfrau Oliva (Oliver von Rosenberg) in sein Amt eingeführt. Nur der Lebenspartner des Prinzen Marc Adams wurde im Gürzenich vom Prinzen herzlich umarmt, musste aber auf ein Bützchen (Kuss) verzichten. Die beiden haben vereinbart, ihre Liebe den Leuten nicht aufzudrängen, denn das Dreigestirn will für alle KölnerInnen und Gäste da sein.

Die starke Bindung an die Kirche wird besonders am Vorabend der Prinzenproklamation sichtbar, wenn die Kölner Karnevalsgesellschaften, die dem Festkomitee angeschlossen sind, mit ihren über 100 Fahnen in den Dom eilen, wo der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner mit einem Pontifikalamt die Kölner Karnevals-Session eröffnet. Bei diesem feierlichen Gottesdienst ist neben dem Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval Markus Ritterbach auch das designierte Dreigestirn in den liturgischen Ablauf der Messe eingebunden, dabei wird eine über 1 Meter große Karnevalskerze angezündet. Diese Kerze brennt die gesamte Session über am Dreikönigenschrein, hier kann jeder Dombesucher die Verbundenheit von Kirche und Karneval sehen.

Bevor das designierte Dreigestirn am 11.11. seinen ersten Auftritt absolviert, macht es einen stillen Besuch im Dom. Dies geschieht am frühen Morgen, wo nur sehr wenige Menschen im Dom sind. Da die drei Herren zivil gekleidet sind, fallen sie nicht weiter auf. Später um 11.11 Uhr wird das neue Dreigestirn vom Festkomitee-Präsident und vom Oberbürgermeister der jubelnden Menge auf dem Heumarkt präsentiert. Nach der Proklamation am 6. Januar beginnt für das Dreigestirn eine anstrengende Zeit, in der über 300 Auftritte zu absolvieren sind. Neben dem Besuch von Sitzungen und Bällen stehen hier vor allem Besuche von sozialen Einrichtungen, wie z.B. Altenheimen, Kindergärten, Schulen und Kirchengemeinden im Mittelpunkt, die allein gute 50 % aller Auftritte ausmachen. Ein wichtiger Termin ist auch der Besuch beim Kölner Erzbischof in seinem Palais in der Kardinal-Frings-Straße. Wegen des schwulen Prinzen wird der Besuch in diesem Jahr besonders von Medien und Öffentlichkeit erwartet. Wir wird sich Kardinal Meisner gegenüber dem schwulen Prinzen verhalten? Wahrscheinlich aber wird der Besuch so wie immer ablaufen, das Dreigestirn wird mit Begleitung zum Mohnkuchen-Essen beim Kardinal eingeladen, einer Spezialität aus seiner schlesischen Heimat. Weit zurück reicht auch die Tradition des Besuchs des Dreigestirns am Karnevalssonntag bei der schwarzen Mutter Gottes in der Kirche St. Maria. Hier stellt das Dreigestirn eine große Kerze auf, um damit Gottes Segen für den Rosenmontagszug zu erbitten.

Der Rosenmontag ist für viele Kölner der höchste Feiertag im Jahr. Von meinen Vater wurde mir immer erzählt, dass schon im Jahre 1936 das Kölner Arbeitsgericht entschieden hat, dass man keinem Kölner am Rosenmontag zur Arbeit zwingen kann, soweit seine Arbeit zum Wohle der Kölner Bevölkerung nicht unbedingt nötig ist. Am Karnevalsdienstag ziehen in den Kölner Stadtvierteln die Veedelszüge, bis dann am späten Abend mit der Nubbelverbrennung die Session zu Ende geht. Am Aschermittwoch ist dann bekanntlich alles vorbei, und der Kölner Karnevalsjeck holt sich in seiner Kirche sein „Äschekrütz" (Aschekreuz). Die Karnevalsgesellschaften und viele Restaurants veranstalten an diesem Tag auch das traditionelle Fischessen, mit dem die Fastenzeit eingeläutet wird, was ebenfalls eine kirchliche Tradition ist. Karneval oder Kirche, der Kölner muss sich nicht entscheiden, denn beides gehört zusammen.
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