JAN GROSSER - PLAY BOYS

Mit 24 Jahren stand ich im Hamburger Kunstverein in einer Retrospektive der Bilder Robert Mapplethorpes. Lilien, Prominentenportraits, das Bild mit der Peitsche, und eines von einem blutenden und malträtierten Penis.
Noch ein Jahr zuvor hatte ich in den Rocky Mountains gelebt und die Sonntagsschule meiner örtlichen Mormonengemeinde unterrichtet. Und nun, zu Beginn meines Medizinstudiums, stand ich vor diesen Bildern. Das Gefühl der Erregung wich bald dem Gefühl einer ungeahnten Erleichterung: Wenn DAS in einem Museum ausgestellt werden konnte, war ich vielleicht doch nicht so verloren. Es war eines der ersten einer Serie von Befreiungserlebnissen, wie sie wohl von vielen schwulen Männern meiner und vorangehender Generationen erlebt wurden.
Mehr als 20 Jahre später stand ich wiederum in einer Robert Mapplethorpe-Retrospektive und war verstört. Was ich damals als befreiend erlebt hatte, erschien mir nun normativ und einengend. Schöne Körper, große Schwänze, Muskeln, sinnliche Münder—der Bilderkanon schwuler Männlichkeit und Sexualität als sinnentleertes Korsett, der Baukasten einer endlosen Bilderfolge von Werbung, Porno, Internetseiten, und meinen eigenen Anstrengungen und denen meiner schwulen Brüder, sich in dieses Korsett zu zwängen. Die damals wenigen bildlichen Darstellungen schwuler Fetischsexualität hatten als Projektionsfläche meiner eigenen intensiven Sehnsüchte gedient, gleichermaßen lustvoll von Hoffnung wie von Angst erfüllt. Inzwischen gleitet mein übersättigter Blick ab von dem visuellen Teflon schwuler Pornografie, Werbung und Selbstdarstellung, deren Diktum ich dennoch nicht imstande bin, mich zu entziehen. Was war passiert?
Als Psychiater, der sich sozusagen auf die Leiden armer Menschen spezialisiert hatte, arbeitete ich mit gesellschaftlichen Randgruppen in der Londoner Innenstadt, dem menschlichen „Abfall", der in der Heckwelle des gewaltigen Finanzdampfers treibt und von Leuten wie mir eingesammelt wird. Auf die grausame Frage: Wer bist Du? hatten sie keine Antwort parat. Und ich, der Fremde ohne Heimat in der großen Stadt?
Das schwule Fetischuniversum machte verlockende Angebote. Auf meinem Internetprofil konnte ich entscheiden, wer ich sein will, wie mich andere erkennen sollten. Das erledigt, konnte ich nun daran gehen, dieses selbsterwählte Bild umzusetzen. Eine überbordende Fetischwarenwelt war der Baukasten, aus welchem ich mich konstruieren konnte. Gummi, Leder, „Spielzeug", Bomberjacken, Piercings, Stiefel--deren Anziehen 20 Minuten erfordert--oder die entsprechende Ausstattung für den häuslichen Bereich—alles war (für Geld) zu haben. Muskeln gibt es im Fitness-Center; den richtigen Gang, die männliche Haltung, den sprachlichen Ausdruck kann man sich aneignen. Es ist wie das Erlernen einer Sprache, ein Wörterbuch von Zeichen, die Männlichkeit (oder Weiblichkeit), Dominanz und Unterwerfung, sexuelle Verfügbarkeit und Bereitschaft, Mut, Härte und Potenz symbolisieren. Die Werbung der einschlägigen Geschäfte, Clubs, Bars, und Internetportale sowie die schwule Pornowelt erläutern den richtigen Gebrauch. Auf den Feiern der Szene kann das internationale Publikum in seiner Sprache kommunizieren. „Wir" gehören zusammen, weil wir anders als „die anderen" sind. Beim Sex bestätigt man einander—im Idealfall—tatsächlich derjenige zu sein, den man auf seinem „Profil" bewirbt.
Mittlerweile wird jede Zahncreme, Hautcreme und Eiskrem mit dem Versprechen sexueller Erfüllung an den Mann und die Frau gebracht. Fetisch ist Massenware. Sex steckt in jedem Kleinwagen und jeder Bluse. Das Persönlichste, Intimste ist zur Währung geworden. Es gehört allen und keinem.
Insofern mag diese Bildserie von dem Wunsch beflügelt sein, mir die Hoheit über den Ausdruck meiner eigenen Sehnsüchte, sexuellen Begierden und auch Ängste wieder anzueignen, sie den Übervätern Tom und Robert und ihren zahlreichen Ziehsöhnen zu entreißen, in einem zweiten Akt der Befreiung. Wenn Fetisch eine Sprache von Zeichen und Codes ist, was bezeichnet und kodiert sie denn? In einem ersten Schritt steht der Fetisch (lat. facticius: gemacht, und franz. Fétiche: das Zaubermittel) als Teil für ein Ganzes, z.B. ein Armeestiefel für Militär, welches als Synonym für Männlichkeit, Härte und Hierarchie stehen mag. In einem zweiten Schritt dann symbolisiert „Militär" eine emotionale Dynamik von Unterordnung und Gewalt, aber auch Zugehörigkeit. Die Bilder verfolgen die emotionalen Wurzeln und Sehnsüchte der Fetischsexualität bis in die Kindheit zurück, indem sie Elemente aus der kindlichen Welt Aspekten der Sexualität zwischen erwachsenen Männern gegenüber stellen. Die Bilder verkünden keine Wahrheit, nicht einmal eine autobiografische; sie sind wie unsere Auffassungen von Sexualität und Kindheit Konstruktionen. Ihre Künstlichkeit und offensichtliche Inszenierung sollten einladen, sie zu hinterfragen und als Frage, nicht als Deklaration zu verstehen.


Photographieausstellung zum Berliner Ledertreffen
28.März - 08.April 2013
Vernissage: Donnerstag 28.03.13 ab 19 Uhr
Werkstattgalerie
Eisenacher Str. 6
D-10777 Berlin
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www.werkstattgalerie.org
Di-Fr 12-20h, Sa 12-18h
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Di-Fr 12-20h, Sa 12-18h


