BERLINALE 2013

Die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin zeigten in ihrem elftägigen Programm vom 07.-17. Februar 404 Filme (inkl. Kurzfilme). Bei dieser riesigen Auswahl von Filmen können selbst die fleißigsten Kinogänger nur etwa ein Zehntel schaffen. Das reicht für jene, die wie die BOX einen Schwerpunkt auf Schwul-Lesbisch-Transsexuelles legen, gerade aus, denn die Berlinale hat einen ähnlich großen Anteil an queeren Filmen – und damit weit mehr als andere große Filmfestivals.
Zudem hat die Berlinale einen weiteren Vorteil: Den gut organisierten Teddy e.V., der zum 27. Mal den Teddy Award, den wichtigsten schwul-lesbischen Filmpreis, vergeben hat und eine Programmübersicht aller LGBT-Filme herausgibt. Unter den 17 Spielfilmneuheiten, 7 Klassikern, 13 Dokumentarfilmen und 9 Kurzfilmen, die in diesem Jahr dort aufgeführt wurden, befanden sich aber auch Filme wie „Echolot“, „Die 727 Tage ohne Karamo“ oder „Maladies“, die nur sehr am Rande schwul-lesbisch-queere Themen behandeln.Weil die Berlinale ein Premierenfestival ist, kennt man im Vorfeld häufig kaum mehr als eine kurze Inhaltsangabe. Das hat den Vorteil, dass man sich einfach auf Filme einlässt und auch welche sieht, für die man sich sonst nicht unbedingt entschieden hätte (Sneak-Preview-Besucher kennen das) – und die nicht immer den persönlichen Geschmack treffen. Deswegen spielt der Flurfunk unter Journalisten, Fachbesuchern und dem Publikum eine wichtige Rolle. Zu fast jeder Gelegenheit wird darüber geredet, was man gesehen und wie es einem gefallen hat. In diesen Gesprächen zeigt sich häufig, wie unterschiedlich ein Film wahrgenommen werden kann: Des einen Lust ist des anderen Frust. Dennoch zeigt es zumindest Stimmungstendenzen auf.
Berlinale in der Sinnkrise?
Wie zwiegespalten die Stimmung indes ist, darüber ließen sich in den letzten Tagen schon die FAZ oder Berliner Morgenpost aus und während des Festivals hörte man es ständig von Pressekollegen und internationalen Festivalmachern: Die Filmauswahl ließ etwas zu wünschen übrig, besonders die Filme des Wettbewerbs – das Aushängeschild eines Festivals – hatten zu wenig Weltklasseformat und die Sektionen vermischten sich deutlicher. Fachbesucher sehen die Berlinale in einer Sinnkrise, insbesondere seit die Oscar-Verleihung von März auf Februar vorverlegt wurde und Hollywoodstars nur noch mit kleineren Indie-Filmen statt großen Produktionen nach Berlin kommen. Wenn man Matt Damon, Shia LeBeouf, Nicolas Cage, Ethan Hawke, Anne Hathaway, Hugh Jackman, Amanda Seyfried, Jude Law oder Catherine Deneuve auf dem roten Teppich gesehen hat, fragt man sich vielleicht, was das Gezeter soll.
Wie zwiegespalten die Stimmung indes ist, darüber ließen sich in den letzten Tagen schon die FAZ oder Berliner Morgenpost aus und während des Festivals hörte man es ständig von Pressekollegen und internationalen Festivalmachern: Die Filmauswahl ließ etwas zu wünschen übrig, besonders die Filme des Wettbewerbs – das Aushängeschild eines Festivals – hatten zu wenig Weltklasseformat und die Sektionen vermischten sich deutlicher. Fachbesucher sehen die Berlinale in einer Sinnkrise, insbesondere seit die Oscar-Verleihung von März auf Februar vorverlegt wurde und Hollywoodstars nur noch mit kleineren Indie-Filmen statt großen Produktionen nach Berlin kommen. Wenn man Matt Damon, Shia LeBeouf, Nicolas Cage, Ethan Hawke, Anne Hathaway, Hugh Jackman, Amanda Seyfried, Jude Law oder Catherine Deneuve auf dem roten Teppich gesehen hat, fragt man sich vielleicht, was das Gezeter soll.
Dass jedoch „Les Misérables“ das größte Staraufgebot in die Bundeshauptstadt brachte, sorgte für einige Häme, denn es handelte sich nur um eine Deutschlandpremiere keine zwei Wochen vor Bundesstart und der Oscar-nominierte Film lief schon seit Ende Dezember in vielen anderen Ländern regulär. Auch der Eröffnungsfilm „The Grandmaster“ des diesjährigen Jury-Vorsitzenden Wong Kar Wai war bereits drei Monate vorher in chinesischen Kinos angelaufen. Tatsächlich besitzen die Gewinnerfilme der Goldenen und Silbernen Bären seit vielen Jahren keine besonders große Strahlkraft beim späteren Kinostart. Bei vielen Filmen ist sogar unklar, wann und ob sie überhaupt regulär ins Kino kommen.Dennoch wurden wieder über 300.000 Kinokarten für die knapp 1000 öffentlichen Vorführungen verkauft, was die Filmfestspiele zum größten Publikumsfestival der Welt macht. Zusätzlich punktet die Berlinale mit dem dazugehörigen Europäischen Filmmarkt (EFM), einem der wichtigsten Handelsplätze für internationale Filmlizenzen, von dem der normale Kinogänger allerdings kaum erfährt. Dennoch wird die Berlinale weiter an einem neuen Profil arbeiten müssen.
Schwul-lesbische Filme und der Teddy
Obwohl unser BOX-Journalist auch einige Wettbewerbs- und Heterofilme gesehen hat, lag das Hauptaugenmerk wieder auf den queeren Filmen. Weil der Anteil an schwul-lesbischen Filmen in Berlin außergewöhnlich hoch ist, kommen viele Macher internationaler schwul-lesbischer Filmfestivals herbei: So war z.B. Frameline, das älteste und größte LGBT-Filmfestival, ebenso vertreten wie Mix NYC, Mix Brasil, Mix Milano, die Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg, TLVFest oder Kiew. Auch hier herrschte rege Diskussion unter Journalisten und Fachbesuchern über die Qualität des Programms. Es ist natürlich Geschmackssache, ob man nun Filme mit konventioneller Erzählung wie den lesbischen „Reaching for the Moon“, der beinahe den Panorama-Publikumspreis gewonnen hätte, lieber mag als handlungsarme Streifen wie „Boven is het still – Oben ist es still“, der seinem Titel alle Ehre machte.
Obwohl unser BOX-Journalist auch einige Wettbewerbs- und Heterofilme gesehen hat, lag das Hauptaugenmerk wieder auf den queeren Filmen. Weil der Anteil an schwul-lesbischen Filmen in Berlin außergewöhnlich hoch ist, kommen viele Macher internationaler schwul-lesbischer Filmfestivals herbei: So war z.B. Frameline, das älteste und größte LGBT-Filmfestival, ebenso vertreten wie Mix NYC, Mix Brasil, Mix Milano, die Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg, TLVFest oder Kiew. Auch hier herrschte rege Diskussion unter Journalisten und Fachbesuchern über die Qualität des Programms. Es ist natürlich Geschmackssache, ob man nun Filme mit konventioneller Erzählung wie den lesbischen „Reaching for the Moon“, der beinahe den Panorama-Publikumspreis gewonnen hätte, lieber mag als handlungsarme Streifen wie „Boven is het still – Oben ist es still“, der seinem Titel alle Ehre machte.
Dennoch waren die wenigen lesbischen Filme dieses Jahr deutlich befriedigender. Der interessante deutsche Doku-Spielfilm-Zwitter „Zwei Mütter“ erzählt von der Diskriminierung lesbischer Paare in puncto künstlicher Befruchtung und „Concussion“, der von einer Frau handelt, die ihre Langzeitpartnerin betrügt, indem sie sich der Prostitution zuwendet, erhielt den Teddy-Jury-Preis. Dies muss wohl als eine Art Gutmachung gewertet werde dafür, dass der Spielfilm-Teddy (und der Leserpreis der Siegessäule) an den polnischen Wettbewerbsfilm „W imię... – In the Name of“ über einen schwulen Priester ging. Der Doku-Teddy ging an „Bambi“ von Sébastien Lifshitz über die gleichnamige Cabaretdame und eine der ersten Transsexuellen Frankreichs; auch der Kurzfilm-Teddy-Gewinner „Ta av mig – Undress Me“ aus Schweden erzählt vom One-Night-Stand einer Transsexuellen, deren Hauptdarstellerin auch das Drehbuch geschrieben hat.
Teddy-Verleihung
Die oben genannten Gewinner des Teddy Awards wurden am 15.02. bei der Gala in der Station Berlin bekannt gegeben. Zum Glück moderierte wieder Jochen Schropp, der diese Aufgabe im letzten Jahr von der etwas starren Arte-Moderatorin Annette Gerlach übernommen hatte. Schropp meisterte bei der live fürs Fernsehen aufgezeichneten Verleihung sogar technische Patzer auf charmante Art. Zusätzlich zu der Erinnerung an schwul-lesbische Vorbilder der letzten hundert Jahre ließ man Human-Rights-Watch-Sprecher Boris Dittrich die Menschenrechtssituation erklären und die Entwicklung in Russland kritisieren. Viele fieberten in diesem Jahr jedoch insbesondere den musikalischen Beiträgen entgegen, denn nicht nur die Sängerin Imany, sondern auch der schwule Sänger Rufus Wainwright, der vor kurzem seinen Partner geheiratet hat, brachte die Herzen der Zuschauer zum Schmelzen. Und bei der anschließenden Party legte Regisseur und Teddy-Gewinner John Cameron Mitchell mit zweien seiner „Shortbus“-Darsteller auf.
Die oben genannten Gewinner des Teddy Awards wurden am 15.02. bei der Gala in der Station Berlin bekannt gegeben. Zum Glück moderierte wieder Jochen Schropp, der diese Aufgabe im letzten Jahr von der etwas starren Arte-Moderatorin Annette Gerlach übernommen hatte. Schropp meisterte bei der live fürs Fernsehen aufgezeichneten Verleihung sogar technische Patzer auf charmante Art. Zusätzlich zu der Erinnerung an schwul-lesbische Vorbilder der letzten hundert Jahre ließ man Human-Rights-Watch-Sprecher Boris Dittrich die Menschenrechtssituation erklären und die Entwicklung in Russland kritisieren. Viele fieberten in diesem Jahr jedoch insbesondere den musikalischen Beiträgen entgegen, denn nicht nur die Sängerin Imany, sondern auch der schwule Sänger Rufus Wainwright, der vor kurzem seinen Partner geheiratet hat, brachte die Herzen der Zuschauer zum Schmelzen. Und bei der anschließenden Party legte Regisseur und Teddy-Gewinner John Cameron Mitchell mit zweien seiner „Shortbus“-Darsteller auf.

Kontroverse schwule Filme
An der Entscheidung der Teddy-Jury, die mit neun internationalen Festivalmachern besetzt war, gab es so gut wie keine Kritik, schließlich fiel die Wahl auf Titel mit breitem Konsens. Es gab jedoch auch Filme wie den koreanischen „Baek Ya – White Night“ über die nächtlichen Irrungen und Wirrungen zweier junger Männer oder der lesbische „Vic+Flo Saw a Bear“ aus dem Wettbewerb, die sofort wieder in Vergessenheit gerieten. Die Doku „Born This Way“ aus Kamerun stand leider im Schatten des letztjährigen Teddy-Gewinners „Call Me Kuchu“, genauso wie „Out in Ost-Berlin“ wie ein Abklatsch des letztjährigen „Unter Männern“ wirkt, auch wenn der Nachfolger schon seit Jahren in der Mache ist, etwas tiefer geht und erstmals ein bisschen lesbische Geschichte abdeckt.
An der Entscheidung der Teddy-Jury, die mit neun internationalen Festivalmachern besetzt war, gab es so gut wie keine Kritik, schließlich fiel die Wahl auf Titel mit breitem Konsens. Es gab jedoch auch Filme wie den koreanischen „Baek Ya – White Night“ über die nächtlichen Irrungen und Wirrungen zweier junger Männer oder der lesbische „Vic+Flo Saw a Bear“ aus dem Wettbewerb, die sofort wieder in Vergessenheit gerieten. Die Doku „Born This Way“ aus Kamerun stand leider im Schatten des letztjährigen Teddy-Gewinners „Call Me Kuchu“, genauso wie „Out in Ost-Berlin“ wie ein Abklatsch des letztjährigen „Unter Männern“ wirkt, auch wenn der Nachfolger schon seit Jahren in der Mache ist, etwas tiefer geht und erstmals ein bisschen lesbische Geschichte abdeckt.
Es waren neben den Teddy-Gewinnern eher eine Handvoll Filme, die häufiger oder kontroverser diskutiert wurden, allen voran „Interior. Leather Bar.“ Dieser sorgte schon letzten Monat beim Sundance für Furore, denn im Gegensatz zu seinem Ko-Regisseur Travis Mathews („In Their Room“) riskiert Disney-Darsteller James Franco („Spider-Man“, „Milk“) seine Hollywoodkarriere für diesen Streifen mit explizitem schwulen Sex. Was anfangs wie das Remake der SM-Lederbar-Szenen aus dem 1980er Al-Pacino-Film „Cruising“ aussah, entpuppte sich als publikumsspaltende Making-Of-Inszenierung. Auch „Lose Your Head“, eine Mischung aus Romanze, Berliner Tanzclub, Drogentrip und Thriller rief einige Ambivalenz hervor. Beim georgischen Panorama-Eröffnungsfilm „Chemi sabnis naketsi – A Fold in My Blanket“ blieb eher die Frage, ob die zage Andeutung einer schwulen Liebe ausreicht, um ihn als schwulen Film zu deklarieren. „Freier Fall“, der Eröffnungsfilm der Sektion Perspektive deutsches Kino, war hingegen Stellvertreter für die Misere des deutschen Kino schlechthin: Der von der Filmförderung Baden-Württemberg und dem SWR mitproduzierte Spielfilm des gebürtigen Esseners Stephan Lacant erzählt eher für ein Heteropublikum inszeniert und auf TV-Niveau (mit ein wenig unfreiwilliger Komik) die konventionelle Geschichte eines Polizisten und werdenden Vaters, der sich in einen Kollegen verliebt. Weil deutsche Filme enorm von Förderanstalten und Fernsehsendern abhängig sind und von unzähligen Gremien abgesegnet werden müssen (oder die Förderer Änderungen durchsetzen), wagen deutsche Projekte selten etwas Außergewöhnliches.
(K)ein Nachspiel
Mit einem breiteren Überblick über das diesjährige Programm bleibt bei einem Großteil eine einzige Frage stehen: Sollen das etwa wirklich die besten oder interessantesten Filme von zigtausenden Einreichungen gewesen sein?Natürlich kann niemand die Macher der Filmfestspiele Berlin dazu zwingen, populistischere Filme auszuwählen – und vielleicht gibt es wirklich keine besseren mehr, welche die Festivals in Cannes, Venedig, Toronto und das Sundance für Berlin übrig lassen. Aber es bleibt abzuwarten, welche der Filme es auf die schwul-lesbischen Filmfestivals Deutschlands schaffen, denn gut die Hälfte der im Teddy-Führer gelisteten Filme ist nur sehr bedingt interessant für Schwule und Lesben.
Mit einem breiteren Überblick über das diesjährige Programm bleibt bei einem Großteil eine einzige Frage stehen: Sollen das etwa wirklich die besten oder interessantesten Filme von zigtausenden Einreichungen gewesen sein?Natürlich kann niemand die Macher der Filmfestspiele Berlin dazu zwingen, populistischere Filme auszuwählen – und vielleicht gibt es wirklich keine besseren mehr, welche die Festivals in Cannes, Venedig, Toronto und das Sundance für Berlin übrig lassen. Aber es bleibt abzuwarten, welche der Filme es auf die schwul-lesbischen Filmfestivals Deutschlands schaffen, denn gut die Hälfte der im Teddy-Führer gelisteten Filme ist nur sehr bedingt interessant für Schwule und Lesben.
BOX wünscht euch deswegen, dass ihr zumindest die Berlinale-Perlen zu sehen bekommt.



Wichtiger Hinweis: Kommentare im Blog erscheinen erst nach Freischaltung durch die Redaktion. Da wir nicht rund um die Uhr arbeiten, kann es mitunter etwas dauern, bis auch Ihr Kommentar zu sehen ist. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Danke.
Die Regeln für die Kommentare können sie hier lesen!