ROCK THE BOX SEPTEMBER

In diesem Monat habe ich die beiden DJs Superzandy (bekannt von der Berliner GMF) und Antoine de la Cruz (vor allem in Amsterdam und Rotterdam an den Mischpulten) nach ihrer Arbeit als DJs und den Trends im Clubbing befragt.
Wann, wie und warum habt ihr als DJ angefangen?
SZ: Die erste GMF Location. Ich legte eines abends auf, in „full-drag" ohne Titten, und musste feststellen, dass ich die tanzlustigen Gäste in eine Art Hysterie versetzen konnte, die mir sehr gut gefiel....und wollte von da an DJ sein. Wochen später lege ich im Garten vom eWerk auf. Westbam kommt aus dem Büro zu mir und dankt mir dafür, dass ich Supersonic von JJ FAD spiele. Nun habe ich den Segen vom ganz Großen und es geht LOS!
ADLC: Vor langer Zeit lebte ich in London und ging auf die Trade-Partys im Turnmills und im DTPM. Ich fühlte mich immer angespornt, wenn ich sah, wie die DJs mit ihren Vinylplatten Wunder hervorzauberten. Als ich nach Amsterdam zurückkam, wurde ich ein Fan von David Hernandez. Er war Resident DJ im Cockring. Ich glaube, wegen ihm fing ich an. Eine ganze Zeit später kaufte ich mir die Plattenspieler und das Mischpult und versuchte es selber. Nach einem Jahr oder so hat es mich gelangweilt und die Ausrüstung verschwand in der Garage. 2003 habe ich noch einmal neu angefangen.
Welche technischen Entwicklungen habt ihr bis jetzt in eurer DJ-Karriere durchlaufen?
SZ: Ich war ein Vinyl-Kind durch und durch. Wie schön war es früher, sich durch Hunderte von Schallplatten in einem Vinyl-Store durchzuhören, bis einem der feine Dreck und Staub der Platten auf die Nerven ging und man sich Hände und Gesicht waschen musste, um weiter die musikalischen Perlen aufzufinden...das lief bis circa 2007. Dann übernahm der aus dem Internet geladene Track, auf CD gebrannt, die Macht über meine Sets... Es hat Vor- und Nachteile hin wie her. Vinyl ist einfach schwer! Zuerst Technics SL1210... seit 2007 CD-Player... alle Arten. Da ist es mir egal, wie gut oder schlecht der Player ist. Für mich ist ein CD-Player kein Problem, außer diese Doppeldinger mit 20-Mark-Stück großen Drehtellern...das geht gar nicht!
ADLC: Vinyl bis 2005 und dann CD-Player. Dann habe ich angefangen, Seratos Scratch Live zu benutzen, damit kann ich meine Tracks auf einen Laptop speichern und sie abspielen mit zwei CD-Playern und zwei Timecode-CDs. Auf der Timecode-CD ist eine Art Faxton, der über den Laptop die Tracks steuert. Ich habe mir vor Kurzem einen Pioneer DDJ Digitalcontroller mit Traktor gekauft, aber ich habe ihn wieder verkauft. Er war für mich nicht praktisch – zu viele Knöpfe. Traktor ist auch nicht mein bevorzugtes Programm.
Habt ihr irgendwelche DJ-Technologien besonders bevorzugt? Vermisst ihr die Vergangenheit oder seid ihr offen für die Zukunft?
SZ: Also...zuerst hab ich Vinyl seeeeehr vermisst. Alle meine Platten waren meine „Babys" (Vinyl was holy, is holy), dann hab ich mich an die CD gewöhnt und sie schätzen gelernt - ich hab mit der CD Moves drauf, die mit Platte nervig schwer sind zu erzielen ...aber ich kann mich nicht mit Computer-DJing anfreunden, weil ich den apathisch in den Laptop glotzenden blauilluminierten DJ einfach nicht mag. Vinyl hat was Fingerspitzen-Dynamisches (die Haptik beim Auflegen) & saftigen Sound-Ohral3D somehow. CDs lassen es zu, wilder zu tanzen und hüpfen beim Auflegen...auch hat man kaum mit Rückkopplungen zu kämpfen...Plattenspieler sind cooler, aber warum cool sein...cool sein hab ich nie begriffen.
ADLC: Scratch Live ist für mich das perfekte System. Es bietet einen modernisierten Vinyl-Touch. Vinyl ist zum Spielen das Beste, aber kaum irgendwas, das mir gefällt, wird auf Vinyl veröffentlicht, und Vinyl ist teuer und schwer. Und, es gibt kaum noch Plattenteller in den Clubs, in denen ich spiele. Die Zukunft des DJ-Spiels macht mich etwas unsicher - es gibt DJs, die mit nur zwei USB-Sticks ankommen. Das soll dann alles sein? Macht das noch Spaß? Auch ersetzen die in-ear-Hörer die richtigen Kopfhörer. Und es kann sich heute jeder, der einen Laptop hat, Producer bzw. DJ nennen. Man drückt auf den Knopf, und schon ist die Musik im passenden Tempo. Man kann mich altmodisch nennen, aber diese ganzen Effekte sind zu viel für mich und man ärgert sich, wenn sie immer und immer wieder zu hören sind.
Erzählt uns mal was über die Szene in euren Heimatstädten.
SZ: In Berlin kann man sich wirklich gehen lassen, oder sich selber sein oder komplett seinen Ruf ruinieren und es ist dabei sowas von total egal. Dann macht man eben seine Kartharsis durch & gut ist. Oder auch nicht und dann ist vielleicht bald Schluss ...meine ich nicht Geschlechtsverkehr sondern eine Weltsicht...querdenken, anders denken, upsidedown denken, billig denken, dumm denken, turbotoll denken, Vollgas, Vollbremsung, minimal gugu und maximal gaga. Paradisecity halt! Verstehst du die NACHT? Kind, du bist verrückt...du musst nach Berlin! Und verrückte Klänge sind wundervoll!
ADLC: Ich spiele meist in der schwulen Szene, die in Rotterdam nicht so dynamisch ist. Seit die Christdemokraten wieder an der Regierung sind, ist alles, was Spaß macht, verboten oder stark kontrolliert. Vorschriften, Vorschriften und noch mehr Vorschriften machen es fast unmöglich, hier irgendetwas zu machen. In der früheren Zeit hatten wir hier in Rotterdam faszinierende Warehouse-Events, aber es sind nur noch wenige übrig geblieben. Vor Kurzem wurde ich gebeten, bei PinkClinic mitzumachen, einer neuen Party von den Veranstaltern von Betty Ford. Sie bringen mit ihren verrückten Krankenhaus-Partythemen wieder Spaß in die Partywelt.
Tanzt ihr auch?
SZ: Ich bin DJ geworden, weil ich Tänzer aus Leidenschaft bin. Zuerst bin ich Tänzer, dann Mensch und dann DJ und dann Fotograf....
ADLC: Natürlich! Sogar hinter den Decks wackle ich mit dem Arsch und mache ein paar Bewegungen, falls ich nicht zu nervös bin.
Wenn es nur noch ein Lied zu spielen gibt, bevor die Welt untergeht, was würdet ihr spielen?
SZ: Er ist Berliner Nachtlebensgefühl pur, er dauert ewig lang: 9 min 26 sek (immerhin wäre es der letzte Track in meinem Leben und der kann dann auch mal seine Länge haben). Er ist (maximal) melancholisch (Ende der Welt ist ja das Thema) und heißt ausgerechnet "Limit To Your Love" (DB Edit) von James Blake. Love is everything! Ich werde auch Bob Young dann noch DANKE für mein Disko-Leben sagen!
ADLC: „Through With You feat Eliza" (Thomas Penton Mix)... eine faszinierende Energie und hervorragender Gesang, also wenn ich wüsste, danach ist das Ende, dann würde ich auch gerne mit einem Knall verschwinden.



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